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Erfahrungsberichte > Archiv
El Villar und Communidades, Februar 2013
z.B. Barbechos
An einem Montag brachen wir für 2 Tage auf nach Barbechos, einer kleinen Comunidad und der einzigen, die östlich des Bergkammes liegt, der das Tal von El Villar nach Osten abschliesst. Genau genommen gibt es Klein- und Gross-Barbechos, wobei sinnvoller Weise das kleine Barbechos grösser erscheint als das grosse. Das liegt aber daran, dass in dem grösseren Klein-Barbechos mehr Häuser stehen, die aber fast alle unbewohnt sind, und weil sich dort die Schule befindet. Nach rund 1 ½-stündiger Fahrt auf den bekanntermassen schlechten Strassen war diese Schule unser Ziel.
Es wurde noch unterrichtet in einem der 3 Klassenzimmer, als wir eintrafen, unsere Ankunft aber als willkommener Anlass gewertet, den Unterricht abzubrechen. Ab 11 Uhr begannen wir mit den Behandlungen, verständlicherweise vorwiegend bei Kindern. Da es in Barbechos keinen Zahnarztstuhl gibt, begnügten wir uns mit den Schulmöbeln, den niedrigen Stühlen für Patienten und Behandler, den Tischen als Ablage für unser umfangreiches Instrumenten- und Material-Sortiment. Hier kamen unsere beiden mobilen Einheiten zu voller Geltung. Es gab in dem Raum zwar nur eine Doppel-Steckdose, aber dank unserer Verlängerungskabel mit Mehrfachsteckdosen konnten wir alle Geräte gleichzeitig betreiben: 2 mobile  Einheiten, 1 Op-Lampe auf Stativ (der andere Arbeitsplatz musste sich mit Stirnlampen begnügen), 1 separate Absaugung für blutige Sekrete und die Ladestation für die Polymeristionslampe. Unser Ultraschall-Zahnstein-Entfernungs-Gerät haben wir vorsichtshalber gar nicht erst ausgepackt, ebensowenig unsere Endo-Box, diese Behandlungen wollten wir unter diesen Umständen lieber nicht anbieten.
 
Es ging eng zu und wir mussten aufpassen, nicht über das Kabelgewirr zu stolpern. Aber so konnten wir bis zum Abend 31 Patienten behandeln. Erstaunlicherweise waren die Zahnstaten vergleichsweise gut, es galt meist nur wenige Zähne zu füllen und noch weniger zu extrahieren, wohl weil das Dorf so abgelegen liegt, dass die kariogenen „Segnungen“ unserer Zivilisation noch nicht den vollen Zugang dorthin finden konnten.
Helle Aufregung herrschte allerdings, als unser mitreisender bolivianischer Zahnarzt, Dr. Walter Alvarez, gegen 17 Uhr verkündete, wir müssten wieder nach El Villar zurück, weil keine Matratzen für uns da seien. Wir sollten am nächsten Tag wieder hergebracht werden. Warum hatten wir dann unsere Schlafsäcke und alles für die Nacht incl. Frühstück mitbringen sollen? Und der Zeitverlust durch die Fahrt würde doch Arbeitszeit kosten! Eine Viertelstunde später hiess es, wir müssten die Aktion ganz abbrechen und kämen am nächsten Tag nicht zurück. Eine weitere Viertelstunde später sollten wir doch bleiben und den nächsten Tag weiter arbeiten. So kam es auch, es wurden Matratzen aufgetrieben, ein Schulraum wurde (mehr oder weniger) gefegt und wir konnten dort ruhig schlafen, ich jedenfalls. Lediglich Marine geriet in Panik, als eine Handteller-grosse Motte ihr Gesicht streifte, kurz nachdem wir das Licht gelöscht hatten. Als Sanitäreintichtung standen eine Toilette und ein einzelner funktionierender Wasserhahn im Freien zur Verfügung. So begnügten wir uns mit Zähneputzen.
Der nächste Tag brachte uns nochmals viele Patienten, diesmal mehr Erwachsene (Jugendliche gab es kaum im Dorf, weil diese zur Ausbildung in die Städte ziehen und meist dort bleiben), also auch mehr Extraktionen. Verunsichert waren wir nur durch die Mitteilung, dass die meisten Dorfbewohner nach El Villar gefahren seien, um sich von der dort tätigen vielköpfigen Internisten-Delegation aus Deutschland untersuchen und behandeln zu lassen. Aber diese Information war wohl doch nicht ganz korrekt, denn wir hatten genug zu tun, nur gelegentlich durch langwierige Palaver und Überzeugungsversuche in die Länge gezogen, weil sich manche Patienten nicht dazu durchringen konnten, ihre bis aufs Zahnfleisch abgefaulten Zahnwurzeln extrahieren zu lassen. Auch gab es gelegentlich Arbeitsunterbrechungen, weil eben schnell das Baby gestillt werden musste, bis es wieder auf dem Zement-Boden abgelegt wurde.
Die Rückkehr nach El Villar verlief relativ pünktlich und für uns planbar, allerdings mussten wir zwischen unserem Gepäck mit der offenen Ladefläche einer Camionetta im Nieselregen vorlieb nehmen, weil die eigentlich vorgesehene Ambulancia einen Krankentransport nach Sucre durchzuführen hatte.
So war es längst dunkel, als wir El Villar, ein warmes Abendessen und eine warme Dusche wieder erreicht hatten – und um ein (zwischendurch aufregendes) Erlebnis reicher. So ist eben Bolivien. Da steht man plötzlich verunsichert vor einem Problem – und dann löst es sich doch auf unergründlich wundersame Weise.
Ekkehard Schlichtenhorst
 
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