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Huber, Marina

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Huancarani & Arque, 17. August bis 23. September 2016

Schon in meinem letzten Studienjahr stand für mich fest, dass ich mir zum Examen gerne eine Reise gönnen und die am besten im Rahmen einer Famulatur mit sinnvoller Arbeit verbinden wollte. Ich hatte schon ein halbes Jahr zuvor Anfragen an verschiedene Organisationen geschickt, letzlich überzeugte mich jedoch der FCSM, da die gesamte Planung und Abwicklung dort für mich sehr einfach und unproblematisch ablief und ich immer sehr schnell Rückmeldungen auf Nachfragen bekam. Damit hatte sich auch entschieden, dass meine Reise nach Bolivien gehen würde.
Mit Ekkehard hatte ich am Telefon besprochen, dass ich gerne an zwei unterschiedlichen Projekten teilnehmen würde, Bolivia movil, das zu der Zeit noch im Chapare geplant war und dem festen Consultorio in Huancarani.
Da sich das Chapareprojekt, über das ich von Ramona (einer Freundin, die dort im Vorjahr war) schon einiges gehört hatte, jedoch zerschlagen hatte und wir daher an einem neuen Einsatzort zur Tat schreiten würden, war ich sehr gespannt, was uns erwarten würde, als wir in Bolivien ankamen.
Ich hatte mich im Vorhinein mit Iris (einer anderen Voluntaria) zusammengetan, weil wir erfahren hatten, dass wir beide vom MUC fliegen würden und vor der Arbeit noch etwas Zeit hatten, um uns das Land anzusehen. So landeten wir rund zwei Wochen vor Famulaturbeginn und nach zwei Transfers (Madrid und Santa Cruz VVI) in Cochabamba. (Zu den Flügen muss man anmerken, dass die Verbindungen nach Bolivien außerordentlich teuer sind, egal welche Verbindung mit unterirdischem Service man sich auch aussucht. Anscheinend kann man bei Google Flights gute Schnäppchen machen oder auch bei Hajo Siewers. Ich habe über ein Uni-Reisebüro eine möglichst günstige Verbindung gebucht. In die Nachbarländer kann man allerdings deutlich günstiger fliegen, also sollte man sich vielleicht einen Gabelflug überlegen, falls man noch mehr Zeit zum Reisen hat.)
Zweieinhalb Wochen waren eine gute Spanne, um die wichtigsten Orte Boliviens einigermaßen kennen zu lernen. Wir waren in Sucre, Potosí, Uyuni, La Paz, Copacabana und der Isla del Sol und haben einen Dreitage-Trek gemacht, bevor wir zurück nach Cochabamba fuhren. Allerdings war unser Reisetempo wirklich schnell und wir hatten selten einen Tag zum Verschnaufen zwischen unseren Stopps. Viele unbequeme Nachtbusse ohne Toiletten inklusive (man sollte auch immer einen Schlafsack dabei haben, das macht die Fahrt oft viel angenehmer). Aber die Landschaft, Städte und Menschen waren es in jedem Fall wert!
Ein paar Tage, bevor wir nach Huancarani mussten, hieß es auf einmal, es gäbe „Bloqueos“ (Straßensperren, zum Teil sogar mit Ausschreitungen) auf der einzigen Verbindungsroute von La Paz nach Cochabamba. Wir hatten Glück, denn zum Wochenende hörten die Blockaden auf. Allerdings sollte man sich über solche Dinge informiert halten, denn sie kommen immer wieder vor und können die eigenen Reisepläne doch schon ganz schön durchkreuzen. Im Zweifel sollte man ein paar Tage zuvor einen Inlandsflug (zum Beispiel mit BOA) buchen (die Agencias gibt es überall).
Unser Bus hatte dann auch gut vier Stunden Verspätung und wir kamen recht k.o. an. Dementsprechend angenehm war es, nach all den Strapazen sehr nett in Huancarani in Empfang genommen zu werden. Ronald hatte uns dorthin gebracht. Unser ganzes Behandlungsteam mitsamt Ekkehard waren schon vor Ort. Wir waren gleich erstaunt, wie viel (beinahe aus Deutschland gewöhnten) Komfort die große Anlage bot und nutzten das erste Wochenende zum Entspannen. Am Montag war Feiertag (Virgen de la Urkupina, ein Fest mit vielen Umzügen und absoluter Ausnahmezustand in Quillacollo) sodass wir erst am Dienstag zu unserem Einsatz aufbrachen.
Dienstag früh brachen wir mit all unserem Behandlungsequiment auf. Nach einer etwas abenteuerlichen Fahrt mit Padre John kamen wir nach vier Stunden etwas durchgeschüttelt und mit bleichen Gesichtern in dem kleinen Ort Arque an. In dem verschlafenen Ort gibt es nur eine hübsche Plaza wie eine historische Kulisse, die zu jeder Tageszeit von einem bezaubernden Licht umspielt wird, umgeben von fernen Gebirgsgipfeln.
Der Ort wirkt ansonsten verschlafen und zeugt als staubige Erinnerung von der Zeit, als Arque noch Hauptstadt der Provinz war.
Nachdem wir in unserem neuen Consultorio, einem wenig genutzten Abstellraum der örtlichen Mini-Klinik unsere „Stühle aufgeschlagen“ und Winkelstücke angesteckt hatten, war endlich alles startklar und so kamen wir zum Pfarrhaus, unserer Bleibe für die nächsten Wochen.
Die beiden Padres John (aus Ghana) und Pablo (aus China) entpuppten sich wirklich als zwei angenehme Zeitgenossen, die uns sehr umsorgten und uns jeden Wunsch von den Augen ablasen. Auch den Ablauf mit den Schulkindern bekamen sie entgegen unserer anfänglichen Bedenken ganz gut organisiert, sodass wir jeden Morgen bereits eine Liste mit den Namen bekamen und meist pünktlich um acht Uhr vier Mädchen oder Jungen auf unserer Wartebank saßen. Während eine von uns sie nach der Reihe mit Limpiezas (Zahnreinigung) versorgten, nahmen sich die anderen zwei jeden nach der Reihe zur Inspektion auf unsrem klappbaren Zahnarztstuhl vor. Sehr schüchtern umrundeten die Mädchen zuerst den Stuhl und zogen ihre Schuhe aus, bevor sie am Fußende dessen unbeholfen Platz nahmen. Sicher hatten die meisten noch nie auf so einem Stuhl gesessen. Die Jungs hingegen saßen lauschend auf der Bank im Flur und jedes Mal wenn "tenemos que sacar" (wir müssen den Zahn ziehen) fiel, begannen sie lautstark hinter dem Paravant (unserer improvisierten Tür) zu feixen und vobeizuspähen.
Die meisten Kinder erwiesen sich jedoch als erstaunlich tapfer und ließen unsere Prozedur ohne Murren über sich ergehen. Nur ein kleines Mädchen hatte so viel Angst, dass wir sie ziehen lassen mussten, ohne überhaupt eine Fissurenversiegelung zu starten. Oft waren sie so schüchtern, dass sie kaum mit uns redeten, und manche sprachen ohnehin nur Quechua.

Einige Kinder hatten derart stark verfärbte, hypoplastische Zähne im Mund, dass wir annahmen, der Fluoridgehalt im Wasser könnte hier sehr hoch sein. Auch Turnerzähne bekamen wir so einige zu sehen, ganz zu schweigen von selbst verschuldeten maroden Gebissen mit abgefaulten Zahnstümpfen oder Löchern (auf spanisch aujero oder hueco) bis zur Gingiva. Auf unsere Nachfrage wie oft sie täglich Zähne putzte, entgegnete ein kleines Mädchen brav 6x.
Erstaunlicherweise waren aber auch einige Kinder bereits therapiert und 2-3 hatten gesunde Zähne ohne Löcher. Schließlich haben wir als Nachbarn in der selben Klinik ja auch einen Zahnarzt, der aber nicht sehr tätig zu sein scheint (ich habe sein Zimmer nicht einmal geöffnet erlebt).
Zur Belohnung, wenn tatsächlich ein Kind kariesfrei war oder wir es durchtherapierten, bekamen sie Zahnbürsten und Zahnpasta von uns geschenkt. Die allermeisten gingen jedoch mit der Anweisung, für diverse Behandlungen wieder zu kommen, heim.
Am Freitag um halb zwei fährt ein Bus nach Cochabamba. Auch wir nutzen die Chance, dem beschaulichen Arce zu entkommen und etwas „städtischere“ Luft zu schnuppern. Sonntag um 9 oder Montag früh um 4 gehen anscheinend die einzig möglichen Busse zurück. Wir stellten uns auf eine kurze Nacht auf Montag ein.
Mittlerweile hatte sich wohl herumgesprochen, dass wir vor Ort waren, denn auch ein paar Dorfbewohner sprachen uns nun an und fragten nach Behandlung. So hatten wir bald die Schulköchin auf dem Stuhl sitzen, deren Zahnzustand uns schockierte. Die Liste der zu extrhierenden Zähne in unsrem kleinen Notizbuch wurde immer länger und jedesmal, wenn die Einheit ausfiel (wir hatten etwas Pech in den zwei Wochen), gab es einen Extraktionstag, an dem wir nur die Kinder einbestellten, bei denen etwas zu ziehen war.
Nach zwei Wochen, die wie im Flug vergangen waren, war meine Zeit in Arce zu Ende und nun ging es für mich nach Huancarani (das ich von unseren Wochenenden her ja schon gut kannte). Dort arbeitete ich eine Woche mit Victoria zusammen, einer Oralchirurgin, die mich einiges lehrte, vor allem in puncto Extraktion.
Danach kam Elina und wir waren als Examensfrischlinge auf uns gestellt. Mit dem schon gewonnenen Know-How und Ekkehard, der oft im Hintergrund anwesend war, war es jedoch kein Problem. Und wir wurden schnell zu einem eingespielten Team, das sich gut ergänzte.
Einzig das Röntgen machte uns am Anfang noch etwas zu schaffen (unsere erste Lehre war: der Entwickler beim analogen Röntgen ist verdorben, wenn er eine braune Farbe annimmt). Es ist auf jeden Fall empfehlenswert, vielleicht ein zwei Extratage eher zu kommen und mit den Vorbehandlern eine gut getimte Übergabe zu planen, um die Abläufe und Tricks mit der Einheit mitzubekommen. Oder man kommt, wie bei uns, sowieso zeitversetzt an, sodass nur einer ganz neu einsteigt.
Was das Patientenaufkommen anging, so hatten wir an dem meisten Tagen „volles Haus“. Nur manchmal kam mal ein paar Stunden niemand, aber seit es die „Placas“ (herausnehmbaren ZE) gibt, scheint es sich wirklich herumgesprochen zu haben, dass wir ständig vor Ort sind und so warten sogar morgens beim Aufschließen schon die ersten auf Behandlung. Mit selbst gedruckten Flyern, die wir in den Trufis verteilten (eine Vorlage gibt’s im Ordner im Consultorio), versuchten wir, noch mehr Menschen zu informieren. Wir erhielten viele positive Reaktionen.
In der Zeit in Huancarani haben wir viele Zähne gezogen und Füllungen gemacht, Milchzahngebisse behandelt, unversehrte Zähne versiegelt und die eine odere andere Endo (an einwurzeligen Zähnen) war auch dabei. Bei unseren (wahrscheinlich studentisch hohen) Ansprüchen muss man bemerken, dass beim vorhandenen Material wirklich jeder auf seine Kosten kam, da es jeden nur erdenklichen Werkstoff gab, nach dem wir uns sehnten, sodass wir keine Abstriche machen mussten. Die Anlage funktionierte stets zuverlässig, auch wenn das Wasser mal ausfällt (denn sie versorgt sich über eine angeschlossene Flasche) und dank des Kompressors kann man eine Füllung auch dann noch zu Ende polieren, sollte der Strom sich einmal kurz verabschieden (ist uns zweimal passiert, zum Glück war es immer nur von kurzer Dauer). Natürlich sollte man sich vor Augen halten, dass man in einem der ärmsten Länder Südamerikas arbeitet und dort vielleicht nicht immer alles so glatt läuft wie in Deutschland. Wenn man keine überzogenen Ansprüche hat, wird man aber immer gut zurecht kommen!
Meine Tipps: Unbedingt eine Stirnlampe mitnehmen und Handschuhe (die kann man zwar dort auch kaufen, aber die Packung kostet dort auch um die 5 Euro also abwägen ob man lieber die Lieblingshandschuhe aus Deutschland oder die einfache Lösung haben will). Elina und ich hatten als Berufsanfänger auch beide noch ein Memorix im Gepäck, was uns hier und da gute Dienste erwiesen hat. Schuhe sind mittlerweile wirklich viele da (Croqs). Und auf jeden Fall ein gutes Buch oder Musik und Hörbücher mitnehmen, vor allem für Arque!
Bei Adela und ihrer Familie haben wir uns sehr wohl gefühlt, sie haben uns schnell ins Herz geschlossen und sich gefreut, wenn wir versuchten, ein bisschen an ihrem Leben teilzuhaben. Es ist eine einmalige Gelegenheit, mit einer normalen bolivianischen Familie in Kontakt zu kommen und die einfache regionale Küche zu probieren. Für uns war das eine wertvolle Erfahrung und wir haben die Zeit genossen!
In Huancarani selbst gibt es nicht allzu viel zu entdecken. Zu empfehlen ist es, nicht immer nur die Trufis Richtung Quillacollo zu nehmen, das groß und sehr trubelig ist. Für einen kleinen Ausflug zum Markt kann man auch mal in die andere Richtung ins viel nähere Sipe Sipe (oder auch laufen). Dort gibt es eine kleine hübsche Plaza mit Futbolins (Kickertischen), einen authentischen Markt, auf dem man auch alles bekommt, was man braucht (es wurde uns zur Tradition, Samstag früh dort für den Brunch einzukaufen) und sogar ein Freibad mit Sauna (allerdings nicht so spektakulär und kostet stolze 30 Bolivianos).
Für mich war die Famulatur eine einmalige Erfahrung und ich bin froh, dass ich in beide Projekte einmal hereinschnuppern durfte, mit verschiedenen erfahreneren Zahnärzten zusammenarbeiten und auch selbst viel Hand anlegen. Es entsteht eine andere Form von Routine und man merkt, dass einem die Patienten irgendwann ein Stück ans Herz wachsen, da manche, egal welche Schmerzen sie erleiden mussten, noch in der Türangel fragen, wann sie das nächste Mal kommen können. Und da wir sie oft ermutigten, am nächsten Tag wieder zu kommen, haben wir in den vier Wochen mehr als einige ganz gut kennen gelernt. Und jeder, der vormittags unverrichteter Dinge protestierend heim ging, um am Nachmittag doch wieder zu kommen und sich besagten Zahn brav extrahieren zu lassen und jedes kleine Kind, dass am Ende doch wieder lachen konnte, weil es von seinen Schmerzen erlöst war, gab uns das Gefühl, dass wir hier richtig sind.
Marina
 
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