Koskull, Christian von
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Huancarani, 10. Februar bis 28. März 2025
Da ich schon seit längerem im Ausland famulieren wollte, hörte ich mich Mitte 2024 gemeinsam mit meiner Kommilitonin Hanna nach entsprechenden Möglichkeiten um. Ich stehe derzeit kurz vor dem Examen, Hanna ist seit November 2024 approbierte Zahnärztin. Das Projekt des FCSM in Huancarani gefiel mir besonders gut, da ich die Grundsätze des Vereins teile, die Erfahrungsberichte durchweg positiv ausfielen und die Kommunikation über Ekkehard (Leiter des Projekts in Huancarani und 2. Vorsitzender des FCSM) sehr gut funktionierte. Deshalb war die Voluntariatsvereinbarung für einen Zeitraum von 7 Wochen im Februar/März 2025 bald unterzeichnet. Die Flugtickets waren gebucht, Sprachapp installiert und so verging die Zeit bis zum Abflug recht schnell. Hanna konnte in diesen Monaten einige Sachspenden für das Projekt organisieren. An dieser Stelle sei den Firmen Hahnenkratt, Henry Schein, Kulzer, Meisinger und Voco für ihre großzügige Unterstützung ganz herzlich gedankt. Außerdem sandte uns Herbert (FCSM-Logistiker) kurz vor der Abreise ein Paket mit weiteren Materialien für den Transport zu. Die Organisation im Vorfeld funktionierte reibungslos.
Der Flug ging schon einige Tage vor dem eigentlichen Einsatz direkt von Madrid nach Cochabamba. Dies würde ich auch jedem zukünftigen Freiwilligen empfehlen, da man in dieser Zeit die Umgebung erkunden und sich mit den Besonderheiten im Praxisalltag vertraut machen kann. Henry (der Praxismanager) holte uns am Flughafen in Cochabamba ab und wir frühstückten gemeinsam mit den anderen Voluntarios in der Wohnung über dem Consultorio. Die Unterkunft ist sehr komfortabel eingerichtet, es gibt eine Gemeinschaftsküche und zwei Bäder. Jeder Voluntario hatte während meiner Zeit in Huancarani ein eigenes Zimmer. Außerdem wird man unter der Woche zweimal täglich mit feinster bolivianischer Küche von Doña Adela (Haushälterin, Köchin und gute Seele des Projektes) verwöhnt. Der größte Komfort besteht aber darin, dass der Weg zur Arbeit in drei Schritten bewältigt ist und man so jeden Tag ausschlafen kann.


Das Consultorio ist wochentags von 8.30 bis 17.00 Uhr geöffnet, montagvormittags ist frei. Es gibt zwei Behandlungszimmer, einen Prophylaxeraum und einen Röntgenraum. Die Praxis ist sehr gut ausgestattet, man findet alles, was für die Behandlungen wichtig ist. Es gibt ein paar kleine Eigenheiten der Behandlungseinheiten, an die man sich aber schnell gewöhnt. Der Praxisalltag ist sehr abwechslungsreich. An manchen Tagen warten schon um 5 Uhr morgens die Patienten vor dem Tor des Consultorios, an anderen Tagen gibt es auch mal Leerlaufzeiten, in denen man die Materialbestände überprüfen oder Zahnschmuck auf die anderen Voluntarios kleben kann. Richtig stressig wird es selten, da Henry die tägliche Patientenzahl sehr gut an die jeweilige Belegung anpasst. Auch bei anderen Problemen und Fragen im Consultorio hat er immer eine Lösung parat. Die Arbeit in Huancarani hat mich als derzeit Noch-Zahnmedizinstudent sehr vorangebracht, da man viel zusammen mit erfahrenen Zahnärzten behandelt, die einem noch den einen oder anderen Tipp geben können. Erschreckend ist leider der Zahnstatus mancher Patienten. Häufig kommen junge Kinder mit bereits tief zerstörten Sechsjahrmolaren in die Praxis. Bei Erwachsenen findet man sehr oft tiefe Zahnhalsläsionen, die auf den in Bolivien weit verbreiteten Konsum von Kokablättern zurückzuführen sind. So wird man immer wieder vor Herausforderungen gestellt, aber letztendlich ging jeder Tag mit dem guten Gefühl zu Ende, zahnärztlich viel geleistet zu haben. Die anfängliche Sprachbarriere war nach wenigen Tagen überwunden. Die wichtigsten spanischen Sätze und Wörter für die Patientenkommunikation sind in einem Dokument zusammengefasst, das mir dabei sehr geholfen hat.
Während meiner Zeit im Projekt verbrachten wir zwei Tage in einer örtlichen Schule, um zusammen mit Ronald (vom Verein Pro Huancarani) über Zahngesundheit aufzuklären und mit den Schülern das Zähneputzen zu üben. In Bolivien nimmt Zahngesundheit in meiner Wahrnehmung gerade bei vielen Eltern leider noch einen geringeren Stellenwert ein als in Deutschland. Daher sind solche Aufklärungskampagnen meiner Meinung nach ein sehr wichtiger Teil des Projektes und sollten weiter verfolgt und ausgebaut werden.


Neben der Tätigkeit im Consultorio ist eine Famulatur in Huancarani natürlich eine tolle Möglichkeit, Bolivien kennenzulernen. Obwohl ich letztendlich die gesamte Zeit in Bolivien gearbeitet habe, kam die Freizeit nicht zu kurz. Ob Sucre, La Paz, Carnaval de Oruro, an den Wochenenden hat man auch für längere Ausflüge Zeit. Besonders gefallen hat mir die Wanderung auf den nahegelegenen Pico Tunari. Wir waren fast jedes Wochenende unterwegs und ich durfte in den letzten zwei Monaten unglaublich viel von diesem tollen Land mitnehmen, trotzdem sitze ich nun mit dem Gefühl am Flughafen, unbedingt noch einmal an diesen Ort zurückzukehren zu müssen. Eine Famulatur beim FCSM in Huancarani ist also eine Erfahrung, die ich jedem (angehenden) Zahnarzt von Herzen empfehlen kann.
Vielen Dank an alle Menschen, die ich in dieser Zeit kennenlernen durfte und die diese Famulatur zu einem solchen Erfolg gemacht haben. Besonders möchte ich Ekkehard für die Organisation und Doña Adela und Henry für ihre Gastfreundschaft danken.
Christian von Koskull