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Wedelstädt, Hanna von

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Huancarani, 10. Februar bis 28. März 2025
Schon früh in meinem Studium wusste ich, dass ich nach meinem Abschluss eine Famulatur in einem internationalen zahnmedizinischen Projekt machen möchte. Es gibt immer mal wieder Online-Famulaturabende, u.a. vom ZAD, wo Ehemalige von ihren Erfahrungen in verschiedenen Projekten berichten. Auch die Website vom ZAD und die Liste zahnärztlicher Hilfsorganisationen der BZAEK helfen bei der Qual der Wahl. Anfang Mai 2024 kontaktierten mein Kommilitone Chris und ich verschiedene Organisationen in Süd- und Mittelamerika. Dabei war die Kommunikation mit Ekkehard vom FCSM besonders schnell und zuverlässig und so fiel unsere Wahl auf Bolivien. Wir unterzeichneten die Voluntariatsvereinbarung für 7 Wochen in der vorlesungsfreien Zeit Februar/März 2025 – zu dem Zeitpunkt wäre Chris kurz vorm 10. Semester und ich frisch approbiert.
Vor der Abreise:
In den kommenden Monaten war ich zunächst damit beschäftigt, das Stex zu überstehen, und so begannen wir erst im Oktober 2024 so richtig mit den Reisevorbereitungen: Impftermine beim lokalen Gesundheitsamt (Gelbfieber, Tollwut, Typhus, internat. Meningokokken, Hep A/B, Auffrischungen), Versicherungen, Reisepass erneuern, Spanisch lernen, Flüge buchen, Spenden akquirieren. Dabei bekamen wir viele sehr hilfreiche Infos inklusive Packliste von Ekkehard per Mail. Spanisch haben wir beide mit Babbel (das bessere Duolingo) gelernt, sodass wir zum Zeitpunkt der Reise ca. A2 Niveau hatten. Ich kann nur empfehlen, sich ein paar Spanisch-Basics anzueignen. Zum einen ist es fairer den Patient:innen gegenüber, zum anderen kommt man hier mit Englisch nicht weit. Jeden Dienstag gibt es Direktflüge von Madrid nach Cochabamba, sodass man aus DE nur einmal umsteigen muss. Wir sind am 4. März geflogen, sodass wir noch ein paar Tage zur Eingewöhnung vor unserem richtigen Arbeitsbeginn hatten. Vor der Abreise bekommt man Materialien vom FCSM-Logistiker Herbert Adler zugesandt. Alles ist sehr gut organisiert. Wir haben darüber hinaus sehr großzügige Spenden von verschiedenen Dentalfirmen zugesandt bekommen, sodass wir am Ende 23 kg Materialien mitnehmen konnten. Mit dem Zoll hatten wir keinerlei Probleme. An dieser Stelle möchte ich mich einmal sehr herzlich für die Unterstützung bedanken! Dickes Danke an Voco, Hahnenkratt, Meisinger, Kulzer und Henry Schein!
Arbeit und Leben im Consultorio Dental:
Die Voluntarios wohnen in einer Wohnung direkt über der Praxis. Jede Person hat ein eigenes Zimmer. Es gibt zwei Badezimmer, Küche und Gemeinschaftsraum, sodass selbst mit 5-6 Voluntarios auf einmal mehr als genug Platz bleibt. Trinkwasser wird in 20l Behältnissen geliefert. Frühstück und Essen für das Wochenende besorgt man in den lokalen kleinen Läden (tiendas), auf dem Markt oder für etwas mehr Geld bei speziellen Wünschen im großen Supermarkt Hipermaxi. Dank des tollen Essens von Doña Adela (mittags und abends unter der Woche) ist vegetarisch essen gut möglich, vegan etwas schwieriger. Mit dem Trufi (Minibus, den man einfach auf der Straße heranwinkt) dauert es ca. eine halbe Stunde in den nächstgrößeren Ort Quillacollo. Von dort fährt man noch eine halbe Stunde weiter mit dem Bus nach Cochabamba. Alternativ kann man 3 Minuten vom Consultorio entfernt in die Bahn (Línea Verde de Tren Metropolitano de Cochabamba) einsteigen und 1:15 h nach CBB durchfahren. Im Gegensatz zu vielen anderen Freiwilligen blieben Chris und mir die Durchfallerkrankungen zum Glück erspart. Sollte man doch einmal Medikamente brauchen, gibt es zahlreiche Apotheken (zB. Farmacorp) und es ist so ziemlich alles frei verkäuflich zu sehr niedrigen Preisen. Auch wir haben ab und zu Spanisch mit Thika (der Frau von Ronald) gelernt. Sie kommt dann für den Unterricht nach der Arbeit direkt in die Wohnung.
Man arbeitet dienstags bis freitags 8:30 bis 12 Uhr und dann nach der Mittagspause 13 bis 17 Uhr, montags nur die Nachmittagsschicht. Die Patient:innen warten teilweise ab 5 Uhr morgens vor dem Tor, denn es werden keine Termine vergeben. Wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt. Es gibt zwei Behandlungsräume, einen Prophylaxeraum, ein Röntgenzimmer und ein Labor. Das Consultorio ist sehr gut ausgestattet. Es gibt ein großes Angebot an verschiedenen Materialien, dabei steht und fällt die Ordnung mit den Voluntarios. Wir hatten die Chance, verschiedenste moderne Materialien auszuprobieren. Auch das Entwickeln der analogen Röntgenbilder macht großen Spaß. Die Stühle haben beide so ihre Eigenheiten und der Druckluftkompressor zum Antrieb der Einheiten gibt gerne mal den Geist auf. Doch für uns gab es kein Problem, das wir nicht innerhalb von Minuten (und mit Hilfe von Henry) beheben konnten. Henry, Sohn von Doña Adela und ZFA, hält den Laden am Laufen. Im Consultorio gibt es bestimmte Behandlungsleitlinien. Der Behandlungsumfang umfasst Kompositfüllungen, Endos an Frontzähnen und Prämolaren, Extraktionen, PZR (limpiezas) und Interimsprothesen (placas). Wobei letztere von der Anwesenheit eines Zahntechnikers abhängig ist. Zum Glück hatten wir mit Werner erfahrene Unterstützung. Die Geräte zur elektrischen Längenmessung haben zuverlässiger funktioniert als die unserer Uni. Die Behandlung ist für die Patienten sehr günstig. Eine Füllung oder Extraktion kostet umgerechnet ca. 1 €. Wir haben sehr viel gelernt, vor allem im Bereich der Oralchirurgie, was an vielen Unis zu kurz kommt. Wir können jetzt selbstbewusst (fast) jeden Wurzelrest entfernen, auch bei Kindern. Jede:r erfahrene Zahnärzt:in bringt eigene Expertise mit.
In einer Woche besuchten Chris und ich die lokale Schule, um mit den Kindern im Vor- und Grundschulalter das Zähneputzen zu trainieren. Zusammen mit Ronald übten wir mit den Klassen auf spielerische Art und Weise wie man seine Zähne gesund hält. „Wie viele Zähne hat ein Erwachsener? Wann, wie oft und wie lange soll man sich seine Zähne putzen? Was sollte man essen und trinken für gesunde Zähne?“ Dann bekam jedes Kind eine Zahnbürste geschenkt und es ging auf den Schulhof für’s gemeinsame Zähneputzen. Waren die Zähne einmal sauber, war auch schon Zeit für die nächste Hofpause, in der die Kinder vom Staat gestellte Snacks aßen: Chips, Kekse und "Chicolac" (gesüsste Milch aus Plastikbeuteln). In aller Ernsthaftigkeit, leider war der Mundgesundheitszustand unserer bolivianischen Patient:innen jedes Alters wesentlich schlechter als aus DE gewohnt. In unserer Zeit im Consultorio mussten wir so manche kaum durchgebrochene permanente Zähne extrahieren, und in jeder Klasse gab es Kinder, die zuhause keine Zahnbürste besaßen. Die Zähne der Erwachsenen waren oft durch die, in einer Wange eingelegten, Coca-Blätter auf einer Seite regelrecht aufgelöst. Ein Großteil der Bevölkerung ist sehr arm. Wir behandelten oft Patient:innen, die nicht lesen und schreiben konnten. Da sind andere Sorgen größer als das Zähneputzen. Umso schöner ist es zu sehen, dass Patient:innen, die jährlich zur Kontrolle ins Consultorio zurückkommen, oft einen sehr guten Mundgesundheitszustand aufweisen.
Freizeit:
Nach der Arbeit und am Wochenende hat man Zeit für Unternehmungen. So sind wir von Sipe Sipe aus zur alten Inkastätte Inkaraqay auf 3200 m Höhe gewandert, haben Sucre und La Paz besucht, die um den Titel als Hauptstadt buhlen. (Sucre ist konstitutionelle Hauptstadt, La Paz Regierungssitz)  Wir haben den Carneval in Oruro bestaunt, der UNESCO-Weltkulturerbe ist, und uns im Regenwald in Villa Tunari über Affen und sehr große Insekten gefreut. In Cochabamba haben wir den dritthöchsten Christo der Welt bewundert (auch wenn sie hier gerne behaupten, es wäre der größte), und um die Ecke den Pico Tunari auf über 5000 m bestiegen. Da bleibt einem die Luft weg. Am Wochenende haben wir mit Henry das Tanzbein geschwungen zu bolivianischer Livemusik. Die Ausflüge sind auch sehr gut auf der Website des FCSM beschrieben.
Jetzt am Ende unserer Zeit im Consultorio muss Chris leider zurück nach Deutschland, um sein Stex zu meistern. Ich konnte mir die Zeit nehmen, um noch ein bisschen weiter zu reisen. Zusammen mit Rania aus dem Projekt und später Besuch aus DE, geht’s für mich weiter zum Salar de Uyuni, Chile, über den Titicaca-See nach Perú, Mittelamerika und die USA bevor ich dann im September die Assistenzzeit in DE beginne. Falls ihr es euch irgendwie leisten könnt, nehmt euch ein bisschen mehr Zeit, denn der Aufenthalt in BO weckt das Reisefieber.
Es war eine sehr positive Erfahrung innerhalb und außerhalb des Consultorios, die ich jedem nur empfehlen kann. Vielen vielen Dank an Adela, Henry, Ekkehard, Holger, Herbert, Ronald, Thika und alle anderen für die großartige Zeit in Huancarani!

Hanna von Wedelstädt, Uni Rostock
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