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Heckrath, Ann-Kristin

Erfahrungsberichte > Archiv
Huancarani August/September 2015
Die Zusammenfassung zuerst: Diese Reise war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich habe sehr viel Armut unter den einfachen Menschen, insbesondere den vielen Kindern, gesehen und ich freue mich, diesen Menschen geholfen zu haben.
Es war auch eine wichtige Erfahrung zu sehen, wie gut es uns eigentlich in Europa geht.

...und hier der ganze Bericht:
„aha.. und warum gerade Bolivien?“ haben viele meiner Freunde gestaunt, als ich von meinem Vorhaben berichtet habe. Warum es  gerade nach Bolivien ging, naja natürlich spielte auch der Zufall einer Rolle, aber trotzdem gibt es viele gute Gründe den Andenstaat zu besuchen. Das touristisch kaum erschlossene Land bietet einen Einblick in die faszinierende Andenlandschaft, aber auch in den dichten Urwald. Dazwischen liegt die südamerikanische Steppe mit schnurrgeraden Straßen, die am Horizont den Himmel zu berühren scheinen. Ein Journalist  schrieb sogar einmal, dass Bolivien zu den wenigen Ländern zählt, in denen man heute noch Abenteuerurlaub machen kann.
Die Famulatur bot die Möglichkeit, praktisch Erfahrungen sammeln zu können, mit erfahrenen Zahnärzten zusammen zu arbeiten und auch andere Studenten kennen zu lernen, mit denen man sich austauschen kann.
 
Und so ging es dann voller Fragen, Erwartungen und Wünsche Mitte August los: Von Frankfurt über Madrid und Santa Cruz nach Cochabamba. In Madrid habe ich bereits Ekkehard, den Projektleiter, getroffen. Worüber ich sehr froh war; es war ganz angenehm, mit jemanden zu reisen der schon oft dort war und sich mit dem ganzen Einreiseprozedere auskennt. Im Nachhinein sollte sich jedoch herausstellen, dass die Einreise kein Problem sein sollte.
 
Am Zielflughafen in Cochabamba erwartete uns bereits Ronald. Ronald ist der Bürgermeister von Huancarani und unser Kontaktmann in dieser Region. Er war es auch, der uns das Projekt im Chapare vermittelt hatte.

In Huancarani befindet sich ein „consultorio dental“, eine Zahnarztpraxis, die dem Standard einer deutschen Praxis schon recht nahe kommt. So gibt es zum Beispiel einen Behandlungsstuhl der mit Licht ausgestattet und höhenverstellbar ist. Auch ein Röntgengerät ist vor Ort, bei diesem mussten die Filme allerdings per Hand entwickelt werden. Dies schien uns digital Natives vor scheinbar unüberwindbare Probleme zu stellen. Die Praxis ist fast ganzjährig von deutschen Zahnärzten besetzt, die dort ehrenamtlich arbeiten. Bald soll auch ein zahntechnisches Labor dazukommen.
 
Auf dem Grundstück des „conusltorio dental“ stand uns eine kleine Wohnung zur Verfügung. Neben uns wohnte auf dem Grundstück  noch eine Familie. Bei ihr konnten wir essen und sie standen uns als Dolmetscher zur Seite, falls Patienten kein Spanisch, dafür aber Quechua sprachen. Außerdem gaben sie uns Tipps und Ratschläge, um das Leben in Bolivien zu meistern.

Insgesamt waren wir drei Studentinnen aus 3 unterschiedlichen Städten und 2 Zahnärzte. In den ersten beiden Wochen bekamen wir zusätzlich noch Unterstützung von Ekkehard. Da dies der Startschuss für das Projekt im Chapare sein sollte, wollte er sich die Chance nicht entgehen lassen, mit dabei zu sein. Wir haben uns dann auf die Projekte verteilt, wobei ein Student und ein Zahnarzt in Huancarani bleiben sollten, während zwei Studenten und ein Zahnarzt ins Chapare reisten. Für mich hieß dies, dass ich die erste Woche in Huancarani verbrachte.
 
Die Patienten kamen oft in Begleitung der gesamten Familie, die sich bei der Gelegenheit auch direkt durchchecken liess. Genauso oft kam es allerdings auch vor, dass jemand alleine kam und nach „überstandener“Behandlung nachmittags noch einmal mit Bruder, Schwester, Sohn oderNichte im Schlepptau auftauchte. Es musste sich also herum gesprochen haben, dass wir Dentistas „gar nicht so schlimm“ waren und ein Zahnarztbesuch auch  nicht automatisch bedeutet, dass eine „Extracción“ durchgeführt werden muss. Tatsächlich haben wir auch viel mehr Füllungen gelegt, als das wir Zähne extrahiert hätten.
 
Mit diesen ganzen neuen Eindrücken verging die Woche wie im Flug, so dass es kurz darauf auch schon in die Provinz Chapare ging. Hier befand sich die nächste Station. In dieser sollte ich die nächsten drei Wochen arbeiten, bevor es dann wieder zurück nach Huancarani ging.

Unsere Arbeit und unser Alltag im Chapare gestaltete sich in vielerlei Hinsicht ganz anders als in Huancarani: Im Gegensatz zum hochgelegenen Andendorf, ist das Chapare eine Gegend im tropischen Tiefland Boliviens. Die Bevölkerung stammt zum Großteil aus dem Hochland und hat sich in den 1980er Jahren, zum Zeitpunkt des boomenden Cocaanbaus,  dort niedergelassen. Auch die Familie von Evo Morales, des amtierenden Präsidenten Boliviens, ist beispielsweise in das Chapare emigriert, um dort Coca anzubauen.
 
Das Klima ist sehr warm mit einer hohen Luftfeuchtigkeit, die einen schon schwitzen lässt, ohne dass man sich überhaupt irgendwie bewegt hätte. Aber auch sonst bot einem das Chapare all das, was man sich unter einem Dschungelaufenthalt vorstellt: Eine Geräuschkulisse, wie man sie aus Filmen kennt, viele exotische Tiere, z.B. riesengroße Insekten, Affen und Vögel mit wunderschönem Gesang. Der Wald ist zum Teil so dicht und hoch, dass er sich wie eine riesige grüne Wand vor einem auftürmt. Hin und wieder gibt es heftige Platzregen und manchmal auch Gewitter, bei denen es unaufhörlich wie aus einem Stroboskop blitzt.
 
Geschlafen haben wir unter einem Moskitonetz. Decken brauchten wir dagegen nicht, weil es auch nachts nicht wirklich abkühlte.
 
Soviel zur Arbeitsatmosphäre, aber auch der Arbeitsalltag sah hier ganz anders aus, als das was wir bisher kannten, denn wir haben an einer mobilen Einheit auf einem Markplatz gearbeitet. Der „Mercado“ im Dorf Lauca Eñe war ganz neu errichtet worden. Im Grunde handelte es sich um ein zweistöckiges Gebäude, in dem es viele kleine Boxen gab, die als Läden oder Stände fungierten. Diese Boxen waren durch halbhohe Wände voneinander getrennt.
 
So haben auch wir eine kleine Box bekommen, in der wir unseren mobilen Behandlungsstuhl und unsere Einheit aufgebaut haben. Unser Stuhl war leider nicht höhenverstellbar, so wie es in Deutschland immer der Fall ist. Lediglich die Rückenlehne konnte manuell in der Neigung verstellt werden (trotzdem war der Stuhl bequemer als die Behandlungsstühle in unserer Universität). Eine am Stuhl integrierte Lampe gab es auch nicht, aber da haben wir uns mit Stirnlampen Abhilfe leisten können.

Da das Projekt in Lauca Eñe erst mit unserer Ankunft gestartet war, kamen viele Patienten, die bisher noch nie beim Zahnarzt gewesen waren, und dem entsprechend gab es viel zu tun: Es gab sogar so viel zu tun, dass wir einige Patienten abends ohne Behandlung wieder wegschicken und auf den nächsten Tag vertrösten mussten.
 
Wurden wir am Anfang noch skeptisch von einigen der Verkäufer vom Markt  beäugt, so wurden wir mit der Zeit Teil des Marktlebens. Wir wurden immer freundlich gegrüßt und sogar am Tag, als uns der Strom abgestellt wurde, haben die Marktfrauen für uns jemanden angerufen, um das Problem möglichst schnell zu lösen
 
Obwohl man in Bolivien auf jedem Markt (fast jedem, auf unserem Mercado zwar nicht, aber dafür waren wir ja da) Zahnbürsten bekommen kann, hat kaum jemand eine Zahnbürste zuhause, und wer eine hat, scheint sie nicht zu benutzten. So war zumindest unser Eindruck, obwohl das natürlich auch täuschen kann, da zu uns nur Patienten kamen, die Beschwerden hatten. So etwas wie einen jährlichen Kontrolltermin gibt es nicht. Allerdings muss man auch dazu sagen, dass  nicht überall Zahnarztpraxen in erreichbarer Nähe zu finden sind, und Bonusheftchen, die einen zusätzlichen Anreiz geben würden, gibt es auch nicht.
 
So kommt es, dass es bei so gut wie jedem Patienten etwas zu tun gibt. Interessanterweise hatten sehr viele unserer Patienten mehr Fissurenkaries als Approximalkaries. Bisher war es in Deutschland bei meinen Patienten in der Universität eher der umgekehrte Fall gewesen.
 
Auch ganz anders als in Deutschland war der Zahnersatz. Herausnehmbarer Zahnersatz war eine Seltenheit und wenn, dann war er meist so schlecht sitzend, dass man meinen könnte, die Prothese habe schon mehrmals den Besitzer gewechselt.  Was man in Bolivien dafür sehr häufig sieht, ist eine sogenannte Fensterkrone. Dies ist eine Frontzahnkrone, die die vestibuläre Fläche lediglich einrahmt. Dabei hat der Rahmen oft eine rechteckige Form oder, das häufigste Modell , eine Herzform (welche nicht nur von Frauen getragen wurde). Einmal kam auch eine Patientin zu uns, die gerne ein kleines Goldplättchen in ihre Füllung eingebaut haben wollte.
 
Dass es kulturell bedingt verschiedene Vorstellungen von ästhetischem Zahnersatz gab, sorgte schon das ein oder andere Mal für Irritation und aber auch Erheiterung. Daneben gab es aber auch weniger schöne Momente mit unseren Patienten.
 
Es kamen nämlich viele Kinder mit extrem zerstörten Milchzähnen oder auch sehr kariösen bleibenden Zähnen zu uns. Gerne hätten wir für diese Kinder nach der Behandlung engmaschige Kontrolltermine veranlasst und einige auch an einen Kieferorthopäden überwiesen, aber leider ist eine Betreuung, wie wir sie in Deutschland kennen, in Bolivien nicht möglich.
 
So blieb uns nichts anderes übrig, als den Kindern den richtigen Umgang mit der Zahnbürste zu zeigen, über richtige Ernährung aufzuklären und zu hoffen, dass dies auf fruchtbaren Boden fallen würde.

Ann-Kristin Heckrath
 
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