Max, Melanie - FCSM-WEB-Seite

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Max, Melanie

Erfahrungsberichte > Archiv
Huancarani, 18. September bis 01. November 2014
Bolivien, ein Land unfassbarer Diversität, atemberaubender Landschaft und einem Reichtum
indigener Kultur – für mich eines der faszinierendsten Länder der Welt. Die vollen 90 Tage des
Visums ausschöpfend blicke ich zurück auf eine erlebnisreiche und intensive Zeit. Ich traf auf eine
Vielzahl interessanter, herzlicher und liebenswerter Menschen, durfte bolivianischen Traditionen und
Bräuchen beiwohnen und lernte viel über das Land, dessen Politik und Probleme. Ich sah
Krankheitsbilder, die ich nur aus Lehrbüchern kannte, erfuhr von den Patienten Dankbarkeit, die wir
in der deutschen Dienstleistungsgesellschaft nur noch selten erhalten, und mir wurde bewusst, wie
noch nie zuvor, was für einen schönen Beruf wir haben . Sowohl aus persönlicher als auch
zahnärztlicher Sicht war mein Bolivienaufenthalt erfüllend und prägend –ein Rundumerfolg also.
Vom Tag der Klinikeröffnung, dem 26. August 2013, konnte ich das Projekt Huancarani mitbegleiten.
Zunächst als Außenstehende, da ich anfangs in Cochabamba bei einer Gastfamilie lebte und meine
spanischen Sprachkenntnisse aufbesserte. Doch bereits in dieser Zeit besuchte ich regelmäßig das
Consultorio und teilte mit Maja und Mila, den ersten zwei Voluntarios der Klinik, Anfangserfolge und
-schwierigkeiten. Sprachlich gerüstet zog ich schließlich Mitte September in das wunderschöne
Apartment direkt neben dem Consultorio und trat meine Zeit als Zahnärztin in Huancarani an:
Huancarani ist ein kleines Dorf circa 25km westlich von Cochabamba. Die Nachbarschaft der Klinik
besteht aus Campesinos (Bauern), Tieren und Lehmhütten. Huancarani hat außerdem diverse
Chicharrias (Erklärung siehe weiter unten), drei Tiendas (einfachste Läden), eine Schule und ein
Internetcafé. Letzteres hat nur gelegentlich offen und dann sind meist sofort alle Computer durch die
(spielende) Dorfjugend besetzt. Sollte man doch mal einen Computer erhaschen, spielt einem die
Internetverbindung öfters einen Streich. Mein „Stammtienda“ gehört Doῆa Pietri, einer knapp 70-
Jährigen, die mich durch ihre absolut verplante Art bei jedem Einkauf zum Lachen brachte. Geöffnet
ist eigentlich zwischen 7 und 23 Uhr. In dieser Zeit muss man sie herbeiklingeln und zu jeder anderen
Zeit ruft man einfach so laut, bis sie einen bedient. Das Dorfleben kann man durchaus als gemütlich
und ruhig bezeichnen. Die vorherrschende Geräuschkulisse wird bestimmt durch krähende Hähne,
dem plappernden Papagei Pepe, bellenden Hunden und der Musik der nahen Chicharria. Chicha
nennt sich das hier in der Region bekannte gegorene, naturtrübe Maisgetränk. Es wird eimerweise
verkauft und aus Kürbisschalen getrunken.
Das Schweizer Projekt „pro-huancarani“ hat sich die Verbesserung der Infrastruktur sowie der
Lebensbedingung der dortigen Bevölkerung zum Ziel gesetzt. So begann alles mit der Versorgung der
Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser und der Verbesserung der Ernährungsbasis durch
nachhaltigen, ökologischen Anbau. Seit einigen Jahren gibt es außerdem eine Nachmittagsbetreuung
für Kinder sowie Lehrwerkstätten für Holz- und Metallbearbeitung. Und eben ganz neu –meine
Wirkungsstätte: ein Consultorio Dental zur Sicherung der zahnmedizinischen Grundversorgung. Die großzügige
Praxisklinik ist vom Förderkreis Clinica Santa Maria e.V. (FCSM e.V. www.fcsm.org ) neu und nach europäischem Standard ausgestattet. Eine Abdeckung der kompletten konservativen Zahnheilkunde ist also ohne Probleme möglich.
So ein Projekt zum Laufen zu bringen, erforderte viel Pionierarbeit (ich erstellte Informationstafeln, druckte
Praxisflyer, malte Praxisschilder, etc.) und stellte mich vor die ein oder andere Herausforderung: Ob
es die starken Stromschwankungen, die Materialbeschaffung oder technische Probleme waren, es
galt, damit fertig zu werden. Die schwierigste Aufgabe war es jedoch, das Vertrauen der Bevölkerung
zu gewinnen. Denn erstens ist auf dem Land die Unsicherheit und Zurückhaltung gegenüber
Ausländern noch deutlich zu spüren und zweitens ist absolut kein Bewusstsein für die
Zahngesundheit vorhanden. Der Mundgesundheitsstatus ist mehr als erschreckend. Die meisten
Familien besitzen keine Zahnbürsten, Zähneputzen ist demnach ein Fremdwort. Zahnschmerzen
werden zunächst mit Kräutern, Wickeln aus Mehl und Urin oder Antibiotika eigenständig behandelt.
Das Aufsuchen eines Zahnarztes ist keineswegs ein natürlicher Gedankengang.
Ich beschäftigte mich also fast nur mit Schmerzbehandlungen und leistete Aufklärungsarbeit (in der
Schule, bei den Kindern auf der Straße, im Bus, etc.). Oft redete ich mir den Mund fusselig,
verschenkte Zahnbürsten und machte Zahnputztraining. Das Ergebnis war ernüchternd: die Kids
spielten mit den Zahnbürsten im Dreck, wie oft man täglich die Zähneputzen soll, hatten sie tags
drauf schon vergessen und beim nächsten Zahnarztbesuch steckte der Lutscher im Mund. Anfangs
frustrierte mich das, doch lernte ich schnell, dass wir uns in Huancarani ganz am Anfang eines langen
Prozesses befinden. Die nötige Motivation hierfür schenkten mir Momente, wie zum Beispiel, als mir
vier Geschwister auf der Straße zur Zahnputzkontrolle entgegenstürmten.
Den Praxisalltag hat man sich so vorzustellen: Behandlungszeit ist von 8:30 bis 12:00 und von 14:00
bis 17:00. Vormittags ging ich entweder für Aufklärungsarbeit (Bedeutung gesunder Ernährung sowie
der Milchzähne, Zahnputztraining, etc.)in die Schule oder ganze Klassen kamen zu mir in die Praxis
und ich untersuchte jedes Kind einzeln. Die Kinder bekamen dann einen Zettel für die Eltern mit, wie
viele Zähne behandelt werden müssen (meist >50% aller vorhandener Zähne). Bei einem wilden
Haufen von meist circa 30 Kindern, die zumeist noch nie beim Zahnarzt waren, kann man sich
vorstellen, was vormittags im Consultorio los war. Nachmittags war offene Sprechstunde. Danach
blieben dann noch 1,5h Tageslicht, um Organisatorisches zu erledigen, auf den umliegenden Feldern laufen zu gehen, einen Computer im Internetcafé zu erhaschen, auf dem Markt einkaufen zu gehen oder gemütlich bei Adela auf der Terrasse zu plaudern. Adela wohnt mit ihrer Familie als „Wärterin“ auf dem Projektgelände und war somit meine direkte Nachbarin. Abends kann man aber auch noch nach Cochabamba in die Stadt (ca. 1h entfernt) fahren, um Salsa zu tanzen, im Supermarkt das ein oder andere heimische Produkt zu kaufen oder einfach mal wieder Stadtflair zu genießen.

Obwohl mir die Eingewöhnung insgesamt leicht fiel, brachte mich die bolivianische Gemütlichkeit bis
zum Ende meines Aufenthaltes oft an meine Geduldsgrenze. Mehrmalige Erinnerungen an
Vereinbarungen, Termine, etc. sind obligatorisch und trotzdem funktioniert weniger als die Hälfte. In
solchen Situationen war ich immer froh, Adela zu haben. Sie schmunzelte dann immer über den
deutschen Aktionismus, fragte mich, warum ich mir so einen Stress mache, und riet mir, ich solle
mich entspannen, mir eine schöne Zeit machen und Geduld üben. So mache man das in Bolivien:
„Warten löst alle Probleme“. Ihr Frohmut brachte mich dann meist zum Grinsen und im Laufe der
Zeit versuchte ich, diese Gelassenheit in mich aufzusaugen, Sachen viel Zeit zu geben und mich über
jeden kleinsten Fortschritt zu freuen.

Wer Interesse an fremden Kulturen hat und sich auch mal mit Händen und Füßen ausdrücken kann
(ein Teil der Campesinos sprechen nur Quechua), der wird in Huancarani sicher schnell ein neues
Zuhause finden –ich jedenfalls habe meins dort gefunden und werde bestimmt bald wieder
zurückkehren.
Melanie Sinone Max
 
Suchen
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü