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Konnert, Armin

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Guadalupe, Oktober 2007
Im Oktober 2007 war ich 3 Wochen in Guadalupe im Süden Ecuadors und habe an der Clïnica Misional gearbeitet. Es war die schönste Zeit meines Jahres.
Ich könnte hier sehr viel schreiben über die Arbeitsbedingungen, dass die Ausrüstung erstaunlich gut ist, man nachhaltige Versorgungen mit einfachen Mitteln machen kann und dass man von der technischen Ausrüstung fast so arbeiten kann, wie bei uns in Europa. Aber das ist schon oft geschrieben worden und wenn man sich die Bilder im Internet anschaut, die Arbeitsrichtlinien liest und die Liste der Materialien durchsieht, begreift man schnell, dass dies hier kein Projekt in den Anfängen ist, keine Hau-Ruck-Aktion, sondern etwas sehr Überlegtes, Nachhaltiges. Ein kleiner Baustein dessen zu sein, was P. Georg Nigsch und viele Kollegen vor langem begonnen haben, war sehr schön. Auch dass die Unterbringung hervorragend und wirklich luxuriös ist, ist schon oft gesagt worden. Ich hatte ein eigenes Zimmer, eigenes Bad und Dusche und die Residencia, in der die Ärzte wohnten, hatte eine Terrasse mit Blick über das ganze Tal des Rio Yacuambi und auf die wolkenverhangenen Berggipfel. Man steht auf und tritt auf die Terrasse, sieht die Nebel aus dem Wald aufsteigen und hört den lauten Dschungel und man schweigt und schaut, gewöhnt sich nicht an diesen Anblick, dieses lebendige Erwachen der Welt, das jeden Morgen neu ist.
Ich möchte vor allem über die Menschen schreiben, die zu uns gekommen sind. Sie haben mich am meisten beeindruckt und mir mehr gegeben als ich jemals einem von ihnen habe geben können. Die Menschen kommen zu der Klinik und haben Zeit, sie warten, sie warten stundenlang mit ihren Kindern und Babys und die Kinder spielen zusammen auf dem Flur oder vor der Tür. Manchmal haben die Patienten ihre besten Kleider angezogen um zu uns zu kommen. Das ist mir in Europa noch nie geschehen. Und wenn sie nach stundenlangem Warten endlich an der Reihe waren, haben ihre Augen geleuchtet. Natürlich waren viele auch ein wenig ängstlich (Wer ist das nicht beim Zahnarzt?). Alle sind uns mit großem Respekt und Freundlichkeit begegnet. Ich mag meine Patienten auch in Europa. Ich mag es den ganzen Tag mit Menschen zu arbeiten. Aber in Guadalupe, wo die Menschen nach unseren Maßstäben arm sind, haben viele einen inneren Reichtum, den ich nur sehr schwer beschreiben kann, und den man nur in der Begegnung mit ihnen erfahren kann. Natürlich gab es auch Ausnahmen und vielleicht sehe ich es nun, zurück im kalten Bayern, ein wenig verklärt. Aber das ist mir als bleibender Eindruck geblieben.
Viele Patienten sind im zahnmedizinischen Sinne ungebildet. Sie wissen nichts über die Zusammenhänge zwischen Zucker- und Colakonsum, schlechter Mundhygiene und der Entstehung oraler Erkrankungen. Es gibt viel und billiges Cola, es gibt überall Zuckerlutscher und wenig Zahnbürsten. Und es gibt wenig Aufklärung. Ein Großteil der Arbeit besteht also aus Reden, was mir mit meinem rudimentären Spanisch anfangs schwer gefallen ist und dann besser wurde. Die Anstrengungen haben sich gelohnt. Und dabei sind Lida und Mariana, die beiden Helferinnen eine unschätzbare Hilfe. Und überhaupt ist es großartig mit ihnen zu arbeiten, mit ihnen Spanisch zu lernen und einen fröhlichen Arbeitstag zu verbringen.
In der ersten Woche habe ich allein in 2 Zimmern gearbeitet und während ich noch in einem Zimmer war, wurden die Patienten in das andere Zimmer gesetzt. Bis ich nach 10 oder 15 Minuten wieder kam, waren viele auf dem Zahnarztstuhl eingeschlafen, besonders die Kinder, die schon den ganzen Tag warteten. Es gibt sehr viele Kinder in Ecuador. Vielleicht zu viele, sagen manche, vielleicht gibt es aber bei uns zu wenige.
Der handwerkliche Teil der Arbeit bestand aus Zähne ziehen und Füllungen machen. Ich habe viele Amalgamfüllungen gelegt; etwas dass ich in Europa seit langem nicht mehr getan habe, aber das mir gerade deshalb Spaß gemacht hat. Amalgam hat bezüglich Funktionalität, Qualität und Lebensdauer in Guadalupe nicht nur seine Berechtigung, sondern ist eine Notwendigkeit. In meiner Zeit war leider kein Zahntechniker im Labor und ich habe keine Placas gemacht. Aber die, die ich gesehen habe, haben durchaus den Ansprüchen an die Wiederherstellung der Kaufunktion und der Ästhetik entsprochen und sind eine gute Lösung für die Patienten.
Zusammenfassend kann man sagen dass die Arbeit in Guadalupe gutes und fundiertes zahnmedizinisches Grundhandwerk ist, ohne sich zu verkünsteln. Es ist auf Funktionalität ausgerichtet. Die meisten Patienten kommen erst zum Zahnarzt, wenn sie Schmerzen haben. Es gibt ein nur sehr eingeschränktes Bewusstsein über die Zusammenhänge von Prophylaxe, Mundhygiene und oralen Erkrankungen. Hier kann man sicher am meisten erreichen, gerade bei den vielen Kindern.
Ein wichtiges Erlebnis war für mich auch das Zusammenleben mit den anderen Ärzten und Helfern und auch mit den Schwestern und dem einheimischen Personal. Wenn man nach Guadalupe geht, ist man kein Außerirdischer, sondern wird in ein Team eingebunden. Alle Menschen, denen ich dort begegnet bin, haben sich durch eine intrinsische Motivation, dort zu arbeiten, ausgezeichnet, durch wirkliches Interesse an dem Land und den Menschen. Alle waren hochinteressante Gesprächspartner und beeindruckende Charaktere. Wenn man sich überlegt, an einem solchen Projekt mitzuarbeiten, dann sagt das von Haus aus bereits viel über die Menschen aus, die das tun. Außer den gemeinsamen Mahlzeiten bei den Schwestern haben wir abends und an den Wochenenden viel miteinander unternommen, haben Ausflüge gemacht, Volleyball oder Basketball gespielt, DVDs angeschaut (ja, auch das kann man mitten im Dschungel) und sind auf der Terrasse gesessen bei Tee oder Kaffee und haben uns unterhalten und über das Tal geschaut. Für mich war der Blick über den Dschungel wie das Sitzen am Meer: Immer der gleiche Anblick, aber zwanghaft anziehend, man gewöhnt sich nie dran und es beruhigt unheimlich. Diese drei Wochen hatten ihren höchsten Wert jedoch darin, dass ich Menschen getroffen habe, die mir Freunde geworden sind.
Wenn man sich entscheidet, in seinem Urlaub nach Guadalupe zu gehen, dann geht man in eine eher unbekannte Gegend Ecuadors, man hat vielleicht nicht Zeit, eine große Reise durch das ganze Land zu machen und die üblichen Highlights zu sehen, aber man versteht und erfährt mehr von den Menschen und ihrem Leben als wenn man 3 Monate mit dem Lonely Planet herumreist, weil man bei den Menschen und mit ihnen lebt.
Probiert´s es, dann gspiert´s es........
 
Armin Konnert

 
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