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Brandes, Dieter3

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Guadalupe, 13.11.-22.12.2017

Nach acht Jahren wieder in Guadalupe, ein Gefühl, wie nach langer Zeit nach hause zu kommen. Die Mahnung von Ekkehard, es hätte sich dort vieles verändert und ich sollte mich nicht wundern, hatte mir vor meiner Abreise doch etwas zu denken gegeben. Tatsächlich aber waren die Änderungen, die ich vorgefunden habe, eher positiver Natur.
Dies gilt nicht so sehr für die Situation des Ortes. Guadalupe scheint in einem Dornröschenschlaf zu liegen. Da die OP-Patienten der Klinik nicht mehr kommen, ist die Wirtschaftskraft des Ortes deutlich zurückgegangen. Die Straßen sind meistens ruhig, viele der kleinen Geschäfte werden nur noch zu Feiertagen geöffnet, wenn mehr auswärtige Besucher herbeiströmen., so zum Beispiel während der Feierlichkeiten zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe, Schutzpatronin ganz Lateinamerikas. Dies gilt ebensowenig für die Hängebrücke, die nun so marode ist, dass ich sie immer nur unter Vorsicht betreten habe. Immerhin sollen im Januar 2018 die Rekonstruktionsarbeiten beginnen, der Finanzabteilung des Rathauses zufolge sind die Gelder bereits da, es kann ausgeschrieben werden.
Es gilt nicht für die finanzielle Situation der Klinik, die mit dem Verlust des „clinica“-Status nur noch von den Zahnärzten, der Farmacia und dem Brillenverkauf lebt.
Die Stimmung zwischen der Klinikleitung und den Volontären ist stimmig. Padre José legt großen Wert auf den Kontakt zu den Zahnärzten und den Technikern, isst mit ihnen mittags und abends und ist an Gesprächen sehr interessiert. Gerne erzählt er von seiner Heimat Perú. Auch die Tatsache, dass ich als überzeugter Atheist anwesend war, hat ihn nicht gestört. Die theologischen Diskussionen jedoch waren wegen meiner dann doch nicht so firmen Sprachkenntnisse eher oberflächlich. Nicht, dass ich mich nicht bemüht hätte, aber die Feinheiten gehen mir im Detail schon ab. Die Cocktailabende, zu denen er den peruanischen Pisco beigetragen hat, während Werner einen guten Job als Mixer gemacht hat, haben ebenfalls zur Verbesserung des Klimas zwischen Klinikleitung und Volontären beigetragen, soweit ich da von mir auf andere schließen darf.
José war auch sehr erfreut, dass er den Techniker Werner und mich gleich in der ersten Woche mit zum Bischof nach Zamora nehmen konnte, wo es zugunsten armer Kinder einen Bingoabend gab, an dem wir allerdings nichts gewonnen haben. Sein Fahrstil ist ziemlich südländisch. Bei der Guadalupefiesta tanzte er ausdauernd mit Damen des Ortes und auch mit unserer Technikerin Nora. José ist in meinen Augen eine Bereicherung für die Klinik, auch wenn nicht alle das so sehen, weil er situationsbedingt nicht die Summen verteilen kann, die es früher zu verteilen gab. Weiterhin haben wir ihn getroffen, als er bei der entlassenen Zahnarzthelferin Lida zum Essen eingeladen war. Die Angabe aus dem fcsm-Rundbrief 4/2017, dass es José war, der fast alle Angestellten entlassen hat, wurde von ihm bestritten, das sei noch Georg gewesen. Eventuell könnte das noch einmal recherchiert werden, um falschen Gerüchten entgegenzuwirken. Bei all diesen Eigenschaften nimmt er seine Berufung durchaus ernst, wobei er sich große Sorgen wegen der auch in den eigentlich katholischen Ländern um sich greifenden religiösen Gleichgültigkeit macht.
Amanda war übrigens während der ganzen Zeit ausgesprochen liebenswürdig, auch das habe ich schon anders erlebt.
Zu den Hermanas gibt es so gut wie keinen Kontakt mehr. Ich habe offen gestanden nicht ganz verstanden, warum das Mittag- und Abendessen jetzt in der Residencia der Volontäre stattfindet, wollte aber auch nicht insistieren, es scheint eine finanzielle Frage zu sein, aber ganz sicher ist das nicht. Jedenfalls haben wir jetzt mit Zoila eine gute Köchin, die auch gleich bereit war, auf meine Abneigung gegen den frischen Koriander Rücksicht zu nehmen und auch für alle Vegetarier, die ja immer zahlreicher werden, extra zu kochen.
 
Wenn alles so läuft, wie es zur Zeit geplant ist, werden ab dem 6.Januar 2018 die Arbeiten zum Umbau der Klinik beginnen. Die Pläne des Architekten sind fertig, die Gelder liegen bei José, zweimal waren Kommissionen der Gesundheitsverwaltung anwesend, um mit Amanda und José die nötigen Maßnahmen zu besprechen. Unter dem Vorbehalt, dass es immer etwas länger dauert, als es in Ecuador geplant ist, soll die neue Genehmigung für den operativen Klinikbetrieb Ende März vorliegen. Das beträfe auch die Zahnärzte, denen es heute offiziell untersagt ist, kleine Operationen vorzunehmen. Eigentlich müssten sogar unter der Extraktion abgebrochene Wurzeln an einen einheimischen Zahnarzt mit entsprechender Berechtigung zum Betrieb einer Klinik überwiesen werden. Ob das dem Patienten zuzumuten ist, halte ich für fraglich.
 
Mit der Fertigstellung der Umbauten und der neuen Genehmigung als operierender Klinik ohne stationären Bereich sollten die jornadas der Augen- und HNO-Ärzte und eventuell auch anderer Fachrichtungen wieder stattfinden können, was dann auch die Nachfrage nach zahnärztlichen Leistungen wieder steigern dürfte.
 
 
Unsere Arbeit in den sechs Wochen war dadurch bestimmt, dass vorher kein Techniker anwesend war und daher die Nachfrage nach Prothesen entsprechend hoch war. An dieser Stelle seien Werner Badenheuer, der die ganzen sechs Wochen meines Aufenthaltes anwesend war, und Nora Amthor, die heißersehnt am 30.11. nachkam, auf das höchste gelobt.
 
Die ca. 5.500,-US$ Umsatz, die in dieser Zeit geschafft wurden, gehen zum größten Teil auf ihre Arbeit zurück. Die von mir selber generierten Umsätze sind dagegen eher bescheiden gewesen, die Nachfrage nach Kons und auch OPs ( Amanda hat das augenrollend mitgemacht) ist gut, aber nicht übermäßig gewesen. So war ruhiges , gleichmäßiges Behandeln möglich. Die Helferin Mariana, die gleichzeitig auch Rezeptionistin und Brillenverkäuferin ist, hat sehr gute Arbeit geleistet, insoweit ist es nicht angebracht, wegen der Abwesenheit von Lida irgendwelche Bedenken zu haben.
 

 
Ausflüge nach Vilcabamba, an den Nangaritza, zusammen mit den beiden vorübergehend anwesenden Ärzten aus den USA, nach Zamora und Yantzaza, sowie die Teilnahme an zwei Fiestas im Ort inclusive Prozession nach La Saquea im Gefolge der Statue der Virgen de Guadalupe (25km) waren die Beschäftigung in der Freizeit. Ich danke Werner und besonders Nora für das kameradschaftliche Zusammensein, das könnte auch ein weiteres Mal hervorragend klappen.
 
 
Ich will auf jeden Fall wieder hin, wenn es denn in Guadalupe weitergeht und wenn man mich lässt.
 
 
Dieter Brandes, 25.12.2017  (ja, Weihnachten)
 
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